Der große Sommer von Ewald Arenz

"In unserer Familie, Frieder, ist Liebe immer beides zugleich. Das größte Glück und die größte Katastrophe."

Für uns und viele Kunden und Kundinnen war "Alte Sorten" eins der schönsten Bücher des letzten Jahres, darum warteten wir bereits gespannt auf Ewald Arenz´ neuen Roman "Der große Sommer". Dieser spielt in den 80er Jahren und klingt erst mal gar nicht nach Sonne, Abenteuer und Freiheit. Frieder ist in Latein durchgefallen und wird dazu verdonnert, die Ferien über bei seinen Großeltern zu lernen, statt mit in den Familienurlaub zu fahren. Zu seiner Großmutter hat Frieder ein sehr enges Verhältnis, zu seinem unnahbaren Stiefgroßvater allerdings weniger. Zumindest hat er noch seine Lieblingsschwester Alma, die eines Praktikums wegen in der Stadt bleibt sowie seinen bestens Freund Johann als Beistand. Und dann plötzlich auch Beate...Beate, die er am 7-Meter-Brett kennenlernt, von dem er wegen ihr springen muss, obwohl es "schon hoch" ist. Beate, die er erstmal nicht nach dem Familiennamen fragt, was zu einem Anrufmarathon in der Telefonzelle führt. Beate, die ihm nicht mehr aus dem Kopf geht.

Hin- und hergerissen zwischen Euphorie und Verunsicherung beginnt Frieder, sich intensiver mit der Liebe auseinanderzusetzen. Zum ersten Mal wird ihm bewusst, auf welch unterschiedliche Weise sie auch seine Familie geprägt hat. Besonders die Beziehung seiner Großeltern fasziniert ihn. Was hat seine empfindsame, künstlerische Großmutter dazu bewogen, seinen abweisenden, strengen Großvater zu heiraten? Als er im Gästezimmer die Tagebücher seiner Großmutter entdeckt, kommt Frieder einem Familiengeheimnis auf die Spur.

"Der große Sommer" ist ein humorvoller Coming-of-age-Roman voll verrückter Mutproben, träger Sommertage, unzertrennlicher Freundschaft, einer tragischen Wendung. Er ist aber auch ein Roman über die Liebe in all ihren Spielarten. Fast noch spannender als Frieders erste Gehversuche in Sachen Gefühle ist die Geschichte der Großeltern. Kann Liebe auch aus praktischen Gründen erwachsen? Ist das die "bessere" Liebe, einer "temporären Hormonvergiftung", wie der Großvater Frieders Sommerliebe nennt, überlegen? Wieder gelingt es Ewald Arenz, durch seine ausgezeichneten Beschreibungen von Natur und Emotionen, Stimmungen und selbst alltäglichen Handlungen uns Leser tief in die Geschichte hineinzuziehen.

Ein Vergleich mit dem kürzlich erschienen "Hard Land" von Benedict Wells drängt sich natürlich auf. Beide Romane drehen sich schließlich um die erste Liebe und den Sommer des Erwachsenwerdens. Sind sie sich deshalb (zu) ähnlich? Überhaupt nicht! Wells´ Geschichte ist jugendlicher, verrückter, nah an filmische Vorbilder der 80er angelehnt, Arenz´ Erzähler merkt man sein fortgeschrittenes Alter an, zwar frech, aber auch wehmütig erinnert er sich an das Erlebte. Das Thema Liebe nimmt bei ihm gefühlt einen größeren Platz ein, bei Wells  mehr das Erwachsenwerden ansich. Beide Romane sind auf ihre Art äußerst lesenswert und gehören zu unseren Lieblingsbüchern dieses Frühjahrs.

Leseprobe von "Der große Sommer"

Arenz, Ewald
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG
ISBN/EAN: 9783832181536
20,00 € (inkl. MwSt.)