Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green

Die 16-jährige Aza Holmes hatte ganz sicher nicht vor, sich an der Suche nach dem verschwundenen Milliardär Russell Pickett zu beteiligen. Sie hat genug mit ihren eigenen Sorgen und Ängsten zu kämpfen, die ihre Gedankenwelt zwanghaft beherrschen. Doch als eine Hunderttausend-Dollar-Belohnung auf dem Spiel steht und ihre furchtlose beste Freundin Daisy es kaum erwarten kann, das Geheimnis um Pickett aufzuklären, macht Aza mit. Sie versucht Mut zu beweisen und überwindet durch Daisy nicht nur kleine Hindernisse, sondern auch große Gegensätze, die sie von anderen Menschen trennen. Für Aza wird es ein großes Abenteuer und eine Reise ins Zentrum ihrer Gedankenspirale, der sie zu entkommen versucht.

Fünf Jahre mußten Fans auf das neue Buch von Bestsellerautor John Green warten, aber das hat sich gelohnt. Wie meistens schreibt Green über einen Jugendlichen mit Problemen, diesmal läßt er persönliche Erfahrungen mit seiner psychischen Erkrankung in die Geschichte einfließen. Hauptprotagonistin Aza leidet an einer Phobie vor Körperflüssigkeiten, welche sie unentwegt beschäftigt. Stundenlang kreisen ihre Gedanken um die Ansteckungsgefahr mit tödlichen Bakterien und die Frage, ob sie eigentlich sie selbst ist, oder doch von einem fremden Willen gesteuert:

An der Anzahl der Zellen gemessen besteht der Mensch zu über 50 Prozent aus Bakterien, was bedeutet, dass die Hälfte der Zellen, die zu uns gehören, garnicht unsere sind. [...] und ich dachte die ganze Zeit über die Frage nach, ob die Tatsache, dass mehr als die Hälfte der Zellen in meinem Körper nicht meine sind die Definition von "ich" als Singular-Pronomen nicht infrage stellt, ganz zu schweigen vom "Ich" als Lenker meines Schicksals. Und so fiel ich immer tiefer in die sich um sich selbst drehende Gedankenspirale, bis ich ganz aus der Cafeteria der White River High verschwand und an einem abstrakten Ort landete, den nur richtig verrückte Leute besuchen dürfen.

Glücklicherweise hat Aza ihre quirrlige Freundin Daisy. Daisy erdet den Roman, sie hat "typische" Teenagerprobleme und träumt davon, die Belohnung von 100.000 Dollar für die Ergreifung Picketts einzusacken, um davon ihre Collegeausbildung zu bezahlen. Aza wiederrum findet in Picketts älterem Sohn Davis, den sie Jahre zuvor in einem Trauercamp für Kinder getroffen hat, eine verwandte Seele und verliebt sich. Doch auch in diesem Fall beherrschen sie ihre Ängste, wird die Zweisamkeit durch ihre Krankheit nicht zu Glück, sondern zur Qual. Nur in den Botschaften und Worten, die die beiden über das Internet teilen kann Aza Nähe zulassen. Immerhin ist es ihr aber möglich, mit ihrer Mutter und einer Therapeutin über ihre Probleme zu sprechen und so bleibt für den Leser ein Hoffnungsschimmer, dass Aza und Davis zueinander finden. Denn "Wer auf Wiedersehen sagt, glaubt, dass er zurückkommt."

"Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken" ist sicher kein einfaches Buch, aber an vielen Stellen witzig genug, um die ernsthaften Teile aufzuwiegen. Mit Aza Holmes hat John Green eine wunderbar beschriebene Hauptperson geschaffen, die dem Leser das Hauptthema des Buches, Zwangsstörungen, auf sympathische Art näherbringt. Azas unendliche Gedankenspiralen sind für Nichtbetroffene vielleicht schwer zu begreifen, aber so unmittelbar und authentisch beschrieben, dass sie noch lange Eindruck hinterlassen. Liebenswerte und interessante Nebencharaktere sowie gewohnt intelligente Dialoge machen "Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken" wieder zu einem tiefsinnigen Lesevergnügen aus der Feder von John Green.

Eine Leseprobe gibt es hier: Leseprobe öffnen

Green, John
Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG
ISBN/EAN: 9783446259034
20,00 €
Kategorie:
Sachbuch