Was nie geschehen ist von Nadja Spiegelman

"Davon erzähle ich Dir, wenn Du älter bist." Oft hört Nadja Spiegelman diese Antwort ihrer Mutter Françoise, wenn sie sie nach deren Kindheit fragt. Den traurigen Blick dazu kann sie damals auch noch nicht einordnen. Aber Jahre später wird sich das ändern, Nadja und ihre Mutter reden miteinander. Jahrelang. Nadja redet auch mit ihrer Großmutter Joseé. Aus diesen Gesprächen wird "Was nie geschehen ist", eine Geschichte über mehrere Generationen von Müttern und Töchtern. 

Die meisten Familien erzählen sich ihre Geschichten immer wieder, sie schaffen Legenden, um einander näher zu kommen: jener Tag, an dem sie das Spielbrett umgeschmissen hat, der Tag, an dem er dem Hund die Haare geschnitte hat. Wir taten das nicht. Anstelle von Anekdoten hatten wir ganze Kapitel. Meine Mutter dampfte ganze Landstriche unserer gemeinsamen Vergangenheit ein und verwandelte sie in ein scharfes Werkzeug, mit dem sie die Gegenwart sezierte. Das Schwelgen in Erinnerungen führte zu erbitterten Streitereien. Erinnerungen, die denen meiner Mutter widersprachen, wurden in ihre Einzelteile zerlegt. [...] Ich spürte, wie ich mich an meiner Version der Realität festzuhalten begann, als ob ein essentieller Teil meiner selbst sonst verschwinden würde.

Als Kind glaubt Nadja Spiegelman noch, ihre Mutter sei eine Fee. Als Teenager beginnt sie dann, die weniger zauberhaften Seiten an ihr zu sehen. Plötzliche Wutausbrüche und unerwartete Zurückweisungen bringen die junge Nadja ins Grübeln. Woher kommt diese ihr bis dato unbekannte Seite ihrer Mutter? Es erscheint ihr unwahrscheinlich, dass es an Françoises eigener Kindheit liegt, denn Nadja hat ihre Großmutter als zwar strenge, aber liebenswürdige Frau kennengelernt. Doch bei ihren späteren Gesprächen stellt sie fest, dass die Mutter und Großmutter teilweise komplett gegensätzliche Erinnerungen an diverse Begebenheiten haben und sogar ganze Zeiträume unterschiedlich erlebten. Nadja deckt viele Ungereimtheiten und weiße Flecken in ihrer Familiengeschichte auf. Offensichtlich waren manche Dinge zu schmerzhaft, um im Gedächtnis zu bleiben und auch als Leser ist man fassungslos, welche psychischen Grausamkeiten sich (unbewußt) wie ein roter Faden durch alle Generationen ziehen, von der Urgroßmutter angefangen bis zur Autorin selbst. Trotzdem ist das Buch keine Abrechnung, sondern zeigt, dass Versöhnung und Verzeihen möglich sind.

"Was nie geschehen ist" macht trotz der manchmal traurigen Passagen dennoch viel Spaß zu lesen. Immerhin schreibt die Autorin über drei (mit ihr sogar vier) spannende Frauenfiguren, die es zu ihrer Zeit nicht immer leicht hatten und trotzdem Kämpferinnen geblieben sind. Diese Geschichten sind sehr spannend, oft humorvoll und manchmal einfach rührend. Ganz unbekannt sind Mutter und Tochter dann ja auch nicht. Wie der Name erahnen lässt, ist Nadja die Tochter des berühmten Autors Art Spiegelman ("Maus") und der Art-Direktorin des New Yorker, Françoise Mouly.

Nadja muß ganz schön große Fußstapfen ausfüllen und tut dies mit Bravour. Das Buch überzeugte uns sprachlich und thematisch, so dass wir es Ihnen sehr gerne empfehlen.

Einen ersten Einblick können Sie hier bekommen: Leseprobe

Spiegelman, Nadja
Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
ISBN/EAN: 9783351037055
22,00 €